Was versteht man unter psychophysiologischen Schlafstörungen?

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Psychophysiologische Schlafstörungen sind sehr weit verbreitet.Die psychophysiologischen Schlafstörungen kann man auch als seelisch-körperliche Schlafstörungen bezeichnen. Die unter diesen Begriffen zusammengefassten Störungen des nächtlichen Schlafes stellen die häufigste Form der Schlafstörungen dar. – Ungefähr jeder zehnte Mensch ist von psychophysiologischen Schlafstörungen betroffen. Bei etwa der Hälfte der Betroffenen ist die Problematik so stark ausgeprägt, dass eine Behandlung zwingend erforderlich ist.

Wenn alle anderen Schlafstörungen bzw. Schlafkrankheiten diagnostisch ausgeschlossen wurden, bleibt meist nur noch die psychophysiologische Schlafstörung als Diagnose übrig.

Wie äußern sich psychophysiologische Schlafstörungen?
Welche Symptome gibt es?

Wenn sich das Gedankenkarussell dreht, finden Betroffene keinen Schlaf. - Seelisch-körperliche SchlafstörungenWer unter psychophysiologischen Schlafstörungen leidet, der hat meist Probleme mit dem Einschlafen und dem Durchschlafen, er fühlt sich morgens nicht wirklich erholt und tagsüber in seiner Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Betroffene sind zudem oft unkonzentriert, leicht irritierbar und nicht selten ängstlich.

Bereits beim Zubettgehen startet ein ungünstiges Gedankenkarussell mit Botschaften wie „Hoffentlich finde ich schnell in den Schlaf!“ oder „Hoffentlich schlafe ich durch, damit ich morgen fit bin!“

Das Drama wiederholt sich dann Nacht für Nacht für Nacht: Der Betroffene dreht sich von einer Seite auf die andere Seite. Ängste machen sich breit, die Herausforderungen des kommenden Tages nicht bewältigen zu können. Mit dem Fortschreiten der Nacht werden alle ungelösten Probleme immer größer. Ständig fällt der Blick wieder auf die Uhr und die innere Anspannung wächst von Minute zu Minute. – „Bereits ein Uhr und ich habe immer noch kein Auge zu getan!“ – Dieses Denken löst schon beinahe Panik beim Betroffenen aus und sorgt so für das krasse Gegenteil eines erholsamen, entspannenden Schlafes.

Oft gelingt das Einschlafen erst in den frühen Morgenstunden, so dass nur noch wenige Stunden zum Schlafen bleiben, bis der Wecker wieder klingelt. Damit haben sich dann auch alle „bösen Vorahnungen“, die man vor dem Einschlafen hatte, voll bewahrheitet.

Nach einer erneut schlechten Nacht stellen viele Betroffene die Anforderung auf, dass die nächste Nacht unbedingt besser sein muss und legen so eine Basis für die nächsten nächtlichen „Unruhen“.


Woher kommen psychophysiologische Schlafstörungen?
Was löst seelisch-körperliche Schlafstörungen aus (Ursachen)?

Die Ursachen von psychophysiologischen Schlafstörungen können ganz unterschiedlich gelagert sein. – So können derartige Störungen des Schlafes beispielsweise durch belastende Erfahrungen aus der Kindheit, Ängste, Depressionen (siehe hierzu auch: Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Schlaf und Depressionen?), ungelöste Konflikte oder Sorgen (um die eigene Gesundheit) ausgelöst werden. Man kann sagen, dass alles, was das Leben allgemein schwerer macht, die Entwicklung einer seelisch-körperlichen Schlafstörung begünstigt.


Wer ist von psychophysiologischen Schlafstörungen betroffen?

Trotz der vielen unterschiedlichen Ursachen, die eine seelisch-körperliche Störung des Schlafes bedingen können, lässt sich bei den Menschen, die unter derartigem gestörten Schlaf leiden, eine Gemeinsamkeit feststellen. – Es ist bei allen Betroffenen ein erhöhtes Arousal als Reaktion auf die äußeren oder inneren Belastungen feststellbar.

Exkurs: Was versteht man unter Arousal?

Der Ausdruck Arousal stammt aus der Psychologie und Physiologie und dient zur Bezeichnung des Aktivierungsgrades des Zentralnervensystems (kurz: ZNV – Gehirn und Rückenmark) beim Menschen und bei Wirbeltieren. Kennzeichnend für Arousal sind Reaktionsbereitschaft, Aufmerksamkeit, Wachheit, u. Ä.

Üblicherweise fällt das Arousal-Niveau im Schlaf sehr niedrig aus, während das Niveau bei Schmerzen und vergleichbaren Erregungszuständen des Körpers sehr hoch ist. Auch im Zusammenhang mit starken Emotionen wie Furcht, Wut oder sexuellem Lustempfinden tritt ein hohes Arousal-Niveau auf. Arousal verfügt allerdings über keine emotionale Komponente, weshalb es von Erregung bzw. Erregungszuständen abzugrenzen ist.

Arousal lässt sich messen und kann unter anderem im Rahmen einer Elektroenzephalografie (EEG) bewerten. Zur Messung wird die im EEG gemessene elektrische Spannung und deren Frequzenz herangezogen. Statt von dem Arousal-Niveau kann auch vom Arousal-Level die Rede sein.

Verantwortlich für Arousal sind sensorische Impulse auf eine bestimmte Region des Hirnstammes (Formatio reticularis), durch Stimulation aus der Hirnrinde sowie durch den Adrenalin-Spiegel. Arousal nimmt über die Formatio reticularis Einfluss auf den gesamten Organismus.

Befinden man sich im Zustand starken Arousals ist man überaus wach, bereit zur Reaktion und sehr empfänglich für Gefahrenreize von außen, gleichzeitig befindet sich die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit allerdings nicht mehr auf einem optimalen Niveau. Aus diesem Grund ist man beispielsweise in verärgertem Zustand nicht mehr so gut in der Lage neues Wissen aufzunehmen.

Das Yerkes-Dodson-Gesetz aus dem Jahr 1908 zeigt den Zusammenhang zwischen Arousal und Leistung. – Schwere Aufgaben lassen sich demnach bis zu einem bestimmten Arousal-Level bewältigen. Mit weiter steigendem Arousal-Niveau geht das Leistungsvermögen allerdings zurück. Einfache Aufgaben lassen sich über den Optimalpunkt bzw. das optimale Arousal-Level hinaus noch gut bewältigen, aber es gibt auch bei diesem Leistungsvermögen Grenzen. – Steigt das Arousal weiter an, lassen sich irgendwann nämlich auch die einfachen Aufgaben nicht mehr lösen. Ferner zeigten Yerkes und Dodson auf, dass Leistung nur dann erbracht werden kann, wenn ein gewisser Arousal-Level gegeben ist.

Generell kann man feststellen, dass sich bei einem mittleren Arousal-Niveau die höchste Leistungsfähigkeit erzielen lässt. In diesem Zusammenhang ist auch die Rede vom sogenannten Eustress bzw. guten oder positiven Stress. Nach diesem Optimalpunkt fällt die Leistungsfähigkeit in Stufen (Ermüdung – Erschöpfung – Erkrankung – Zusammenbruch) ab. Man spricht dann auch vom Disstress oder negativen Stress.

Arousal und Schlaf

In der Schlafmedizin spielt Arousal ebenfalls eine Rolle. So bezeichnet man die im Zusammenhang mit einer Schlafapnoe auftretende Weckreaktion des Körpers als Arousal. Diese wird durch den mit einer Schlafapnoe verbundenen zu geringen Sauerstoffgehalt im Blut (Hypoxämie) und dem dabei gleichzeitig erhöhten Gehalt an Kohlendioxid im Blut (Hyperkapnie) ausgelöst. Durch im Rahmen der Schlafapnoe auftretende Arousal gelangt der Betroffene nicht zu vollem Bewusstsein, aber er nimmt die Atmung wieder auf, was zu einer Normalisierung der Blutgas-Werte führt.

Das Arousal lässt sich im Schlaflabor mithilfe eines EEG (s.o.) nachweisen, da eine plötzliche Frequenzveränderung aufgezeichnet wird, welche mehrere Sekunden lang anhält. Vorübergehend wird der Organismus aktiviert, Aktivität des autonomen Nervensystems und Muskeltonus werden gesteigert und die Reizschwelle herabgesetzt.

Bei einer Schlafapnoe treten Arousals gehäuft auf, was den Schlaf bzw. die Schlafqualität enorm beeinträchtigt. Darüber hinaus kann es zu schweren Auswirkungen auf das Herz-Kreislaufsystem kommen.

Auch bei anderen Schlafstörungen oder Schlafkrankheiten kommt es zu Arousals (Weckreaktionen). Diese können auch durch extern Einflüsse z. B. durch Geräusche oder Licht ausgelöst werden. Auch durch Erkrankungen oder andere innere Faktoren kann es zu Arousals kommen. Ursächlich für eine Weckreaktion in diesem Kontext kann beispielsweise Sodbrennen sein.

Im Zusammenhang mit dem Schlaf gibt es auch so genannte Arousal-Störungen, womit bestimmte Parasomnien zusammengefasst werden. – Zu den Arousal-Störungen gehören Pavor nocturnus (Nachtschreck), Somnambulismus (Schlafwandeln) und Schlaftrunkenheit.

Durch das erhöhte Arousal-Level kommt es bei den unter psychophysiologischen Schlafstörungen leidenden Personen zu messbaren Veränderungen im Körper, so werden durch die gesteigerte Reaktion der Blutdruck, die Körpertemperatur, die Herzfrequenz, die Schweißdrüsenaktivität, die Magen-Darm-Tätigkeit und die Stresshormone beeinträchtigt. Bei einigen Menschen kommt es nicht nur zu heftigen, sondern sogar zu überschießenden Reaktionen.

So gibt es beispielsweise Personen, die im Anschluss an einen Streit seelenruhig einschlummern, während der ebenfalls in den Streit involvierte Ehepartner komplett aufgedreht ist und nicht einmal an Schlaf denken kann.

Wie stark Seele und Körper eines Menschen durch Ereignisse in Alarmbereitschaft versetzt werden, fällt individuell höchst unterschiedlich aus. – Diese Alarmbereitschaft kann sich auf drei Ebenen zeigen:

  1. Gedankliche Alarmbereitschaft äußert sich durch:
    „Abschalten“ nicht möglich, fortwährende Beschäftigung mit einer Thematik, das „Gedankenkarussell“ kreist
  2. Psychologisch Alarmbereitschaft äußert sich durch:
    innere Anspannung, Angstgefühle
  3. Physiologische Alarmbereitschaft äußert sich durch:
    motorische Unruhe, Schwitzen, Herzklopfen, Zittern

Das erhöhte Arousal-Niveau führt schnell zu einem Teufelskreis, wenn äußere Ereignisse wie Konflikte, Prüfungen oder belastende Aufgaben das Einschlafen oder Durchschlafen stören. In der Folge kommt es dann nämlich zu Tagesmüdigkeit und Leistungsschwächen. Der Schlaf rückt mehr in den Fokus und erhält im Leben subjektiv mehr Bedeutung. Wenn sich Betroffene vermehrt mit dem Schlaf beschäftigen, erhöht dieses die Ängste und die Anspannung, was wiederum im gestörten Schlaf mündet.


Was kann man gegen psychophysiologische Schlafstörungen unternehmen?

Bei psychophysiologischen Schlafstörungen sollte ein Arzt zur Unterstützung hinzugezogen werden.Wer unter seelisch-körperlichen Schlafstörungen leidet, sollte nicht zu Schlafmitteln oder Alkohol greifen, um dem Schlaf vermeintlich auf die Sprünge zu helfen. Alkohol kann zwar die Ängste reduzieren und so vielleicht beim Einschlafen unterstützen, wirkt sich jedoch gleichfalls auch negativ auf die Qualität des Schlafes aus, so dass sich die Tagesmüdigkeit beispielsweise kaum durch den Alkoholgenuss lindern lässt. Grundsätzlich besteht dann auch immer die Gefahr einer Abhängigkeit, wenn wiederholt zu Alkohol oder Schlafmitteln gegriffen wird, um vielleicht doch endlich einmal erholsam zu schlafen.

Grundsätzlich sollte man sich zum Arzt begeben, damit dieser die Schlafstörung korrekt diagnostiziert und bei der Therapie unterstützt. – Wenn es sich tatsächlich um eine psychophysiologische Schlafstörung handeln sollte, muss der oben beschriebene Teufelskreis wirksam unterbrochen werden.

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Ulrich Carsten

Zertifizierter Bettenfachberater mit dem Schwerpunkt Matratzen in unserem Online-Shop Betten.at und seit 2011 Chef-Redakteur im Betten.at-Schlafmagazin.

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